Bollypedia Freies Wissen zum indischen Film
Artikel

Genres und Filmregionen des indischen Kinos

Bollywood ist nur ein Teil des Ganzen. Ein Überblick über Sprachen, Studios, Erzählformen und die Fehler, die beim Schreiben darüber immer wieder passieren.

Bollywood, Tollywood, Kollywood und alles dazwischen

Fangen wir mit dem größten Missverständnis an. Bollywood bezeichnet die in Hindi produzierten Filme aus Mumbai, früher Bombay, und nichts sonst. Ein Tamil-Film aus Chennai ist kein Bollywood-Film. Ein Malayalam-Drama aus Kochi erst recht nicht. Wer diese Begriffe durcheinanderwirft, macht dasselbe, als würde man jeden deutschsprachigen Film pauschal als Berliner Produktion bezeichnen. In Indien ist das kein Wortklauberei-Problem, sondern eine Frage von Sprache, Identität und wirtschaftlicher Konkurrenz. Die Industrien haben eigene Stars, eigene Preisverleihungen, eigene Verleihgebiete und teilweise sehr unterschiedliche Erzähltraditionen. In der Bollypedia legen wir deshalb bei jedem Artikel fest, aus welcher Industrie ein Film stammt, und tragen die Originalsprache ein.

Die wichtigsten Zentren im Vergleich

Die folgende Übersicht ist bewusst grob gehalten. Sie soll Anfängern helfen, die Landkarte im Kopf zu sortieren, ersetzt aber keine Recherche im Einzelfall.

IndustrieSpracheZentrumTypische Merkmale
BollywoodHindiMumbaiGrößte Reichweite im Norden, starke Diaspora-Vermarktung, hohe Werbebudgets
TollywoodTeluguHyderabadSehr große Produktionen, Actionepen, riesige Studiogelände
KollywoodTamilChennaiEnge Verbindung von Kino und Politik, ausgeprägter Starkult
MollywoodMalayalamKochiKleine Budgets, realistische Stoffe, international hoch gelobt
SandalwoodKannadaBengaluruLange regional geprägt, seit einigen Jahren panindische Erfolge
Bengalisches KinoBengaliKolkataStarke Autorentradition, Literaturverfilmungen, Festivalpräsenz

Dazu kommen das Marathi-Kino, das Punjabi-Kino, Produktionen in Gujarati, Bhojpuri, Assamesisch und mehrere kleinere Sprachräume. Insgesamt entstehen Filme in weit über zwanzig Sprachen. Die Zahl der jährlich zertifizierten Spielfilme liegt seit Jahren im vierstelligen Bereich, womit Indien gemessen an der Stückzahl weltweit vorn liegt. Wie sich diese Struktur historisch entwickelt hat, beschreibt der Artikel zur Geschichte des indischen Kinos.

Masala und die Kunst der Mischung

Das bekannteste Genre ist kein Genre im westlichen Sinn. Masala bedeutet Gewürzmischung und beschreibt Filme, die Action, Romanze, Komik, Familiendrama und mehrere Musiknummern in eine einzige Erzählung packen. Für Zuschauer, die mit europäischer Genretrennung aufgewachsen sind, wirkt das oft sprunghaft. Aus indischer Sicht ist es logisch: Ein Kinobesuch dauerte traditionell drei Stunden, kostete wenig und musste für eine ganze Familie mit sehr unterschiedlichen Interessen funktionieren. Die Pause in der Mitte, das sogenannte Interval, ist bis heute Teil der Dramaturgie, und Drehbuchautoren bauen vor der Unterbrechung bewusst einen Wendepunkt ein. Wer einen Masala-Film mit den Maßstäben eines europäischen Kammerspiels bewertet, versteht ihn nicht, sondern beschreibt nur die eigene Erwartung.

Innerhalb dieser Mischform haben sich Untertypen etabliert. Der Curry-Western übernahm Motive des italienischen Western und verlegte sie in indische Dörfer, mit Sholay als bekanntestem Beispiel. Der Sozialfilm behandelt Landflucht, Mitgift, Kastenkonflikte oder Korruption, oft mit deutlicher moralischer Haltung. Der mythologische Film erzählt Episoden aus Ramayana und Mahabharata und war in der Frühzeit das dominierende Format. Devotionale Filme richten sich an religiöse Zielgruppen und laufen bis heute verlässlich in kleineren Städten. Dazu kommen Horror, Kriminalkomödie, Sportdrama, Kriegsfilm und seit einigen Jahren eine ganze Welle von Biografien über Sportler und Soldaten.

Parallel Cinema und das andere Indien

Neben dem populären Kino existiert seit den sechziger Jahren eine zweite Linie, meist Parallel Cinema oder New Indian Cinema genannt. Regisseure wie Shyam Benegal, Mrinal Sen, Ritwik Ghatak und Adoor Gopalakrishnan arbeiteten mit kleinen Budgets, oft mit staatlicher Förderung, und erzählten von Landarbeitern, Witwen, Flüchtlingen der Teilung. Diese Filme liefen selten in großen Kinos, prägten aber Generationen von Filmemachern. Die Trennung zwischen kommerziellem und ambitioniertem Kino ist heute deutlich durchlässiger geworden. Regisseure wechseln zwischen beiden Welten, und Streamingplattformen finanzieren Stoffe, die vor zwanzig Jahren niemand angefasst hätte. Wer über solche Filme schreibt, sollte trotzdem vorsichtig mit Etiketten sein. Der Begriff Arthouse wird in Indien anders verwendet als in Europa und bedeutet oft schlicht: läuft nicht in tausend Kinos.

Warum Kerala gerade so viel Aufmerksamkeit bekommt

Das Malayalam-Kino aus Kerala hat sich in den letzten Jahren zum Liebling internationaler Kritiker entwickelt. Die Gründe sind praktisch. Budgets sind klein, also müssen Drehbücher tragen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler arbeiten oft naturalistisch, ohne die Überhöhung des Starkinos. Filme wie Kumbalangi Nights oder The Great Indian Kitchen behandeln Alltagsthemen mit einer Genauigkeit, die im großen Kommerzkino selten ist. Gleichzeitig schaffen es immer wieder Malayalam-Produktionen über Streaming zu einem Publikum, das nie ein Ticket dafür gekauft hätte. Ein ähnlicher Effekt zeigt sich beim Kannada-Kino, das nach jahrzehntelanger Regionalität plötzlich landesweite Erfolge landet. Diese Verschiebungen sind für eine Enzyklopädie interessant, weil sie sich schnell vollziehen und Artikel dadurch zügig veralten.

Typische Fehler beim Beschreiben von Genres

Drei Dinge gehen beim Schreiben besonders oft schief. Erstens die pauschale Genrezuordnung: Ein Film mit Kampfszenen ist noch kein Actionfilm, wenn zwei Drittel der Laufzeit aus Familienkonflikt bestehen. Beschreib lieber, was tatsächlich passiert, statt ein Etikett zu vergeben. Zweitens die Verwechslung von Verleihtitel und Originaltitel. Deutsche Fassungen bekamen früher regelmäßig völlig eigene Namen, die mit dem Original nichts zu tun haben, und wer nur den deutschen Titel nennt, macht die Recherche für alle anderen unnötig schwer. Drittens die Übernahme von Werbetexten. Produktionsfirmen bezeichnen fast jeden Film als Blockbuster, als Rekordbrecher oder als erstes seiner Art. In einem enzyklopädischen Artikel hat solche Sprache nichts verloren. Wie du das sauber löst, welche Belege wir akzeptieren und wie die Namenskonventionen aussehen, steht unter Mitmachen und Artikel schreiben. Und wenn dich interessiert, wie Musiknummern in diese Genrelogik hineinspielen, dann lies weiter bei Filmmusik und Tanz.

Weiterlesen in der Bollypedia: Geschichte des indischen Kinos  ·  Filmmusik und Tanz  ·  Hauptseite