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Geschichte des indischen Kinos

Über hundert Jahre Filmproduktion, mehr als zwanzig Sprachen, ein paar Legenden und erstaunlich viele Missverständnisse.

Von Raja Harishchandra bis zu den panindischen Blockbustern

Die Geschichte des indischen Films beginnt nicht mit Bollywood, sondern mit einem Mann aus Maharashtra, der sich in London ein Filmlehrbuch kaufte. Dhundiraj Govind Phalke, bekannt als Dadasaheb Phalke, drehte 1913 mit Raja Harishchandra den ersten abendfüllenden indischen Spielfilm. Er war stumm, dauerte etwa vierzig Minuten und erzählte eine Episode aus dem Mahabharata. Frauen durften damals kaum vor der Kamera stehen, also übernahmen Männer die weiblichen Rollen. Phalke finanzierte das Ganze mit geliehenem Geld und verkaufte zwischendurch den Schmuck seiner Frau. Genau diese Mischung aus Improvisation, Mythologie und wirtschaftlichem Risiko zieht sich durch die nächsten hundert Jahre.

Der Tonfilm verändert alles

1931 kam Alam Ara in die Kinos, produziert und inszeniert von Ardeshir Irani. Es war der erste indische Tonfilm, und er enthielt sieben Lieder. Das klingt nach einem Detail, war aber die Weichenstellung schlechthin. In dem Moment, in dem Filme sprechen konnten, zerfiel der bis dahin gesamtindische Markt in Sprachräume. Wer einen Film auf Hindi drehte, erreichte den Norden. Wer auf Tamil oder Telugu produzierte, brauchte eigene Studios, eigene Stars, eigene Verleihstrukturen. Innerhalb weniger Jahre entstanden parallele Industrien in Bombay, Madras, Kalkutta und Lahore. Gleichzeitig setzte sich das Lied als fester Bestandteil des Erzählens durch, weil Musiktheater und Tanzdrama längst zur Alltagskultur gehörten. Warum das bis heute so geblieben ist, erklärt der Artikel zu Filmmusik und Tanz im Detail.

Die dreißiger und vierziger Jahre brachten das Studiosystem. Bombay Talkies, Prabhat Film Company und New Theatres in Kalkutta hatten feste Verträge mit Schauspielern, Technikern und Musikern. Nach der Unabhängigkeit 1947 brach dieses System weitgehend zusammen. An seine Stelle traten unabhängige Produzenten, die Filme einzeln finanzierten, oft mit undurchsichtigen Geldquellen. Die Folge war eine Branche, die extrem beweglich war und gleichzeitig chronisch unsicher. Stars wurden zur einzigen verlässlichen Sicherheit, weil ihr Name Vorverkäufe garantierte. Dieses Muster prägt die Finanzierung bis in die Gegenwart.

Das goldene Zeitalter

Die Fünfziger und frühen Sechziger gelten vielen als die stärkste Phase des Hindi-Kinos. Raj Kapoor drehte Awaara, einen Film, der in der Sowjetunion so populär wurde, dass sein Titellied dort noch Jahrzehnte später auf Straßenfesten gesungen wurde. Guru Dutt inszenierte mit Pyaasa und Kaagaz Ke Phool zwei ausgesprochen bittere Werke über Künstler, die an der Gesellschaft scheitern. Mehboob Khans Mother India aus dem Jahr 1957 erzählte vom Überleben einer Bäuerin gegen Schulden, Flut und Verlust und wurde für den Oscar in der Kategorie fremdsprachiger Film nominiert. K. Asif brauchte über ein Jahrzehnt für Mughal-e-Azam, ein Historienepos, dessen aufwendigste Szenen in Farbe gedreht wurden, während der Rest schwarzweiß blieb. Diese Filme verbindet ein Ton, der heute fast verschwunden ist: ernsthaft, sozial engagiert, ohne Angst vor unglücklichen Enden.

Parallel dazu entstand ein Kino, das mit Massenunterhaltung nichts zu tun haben wollte. Satyajit Ray drehte 1955 in Bengalen Pather Panchali, den Auftakt der Apu-Trilogie, mit Laiendarstellern und sehr wenig Geld. Der internationale Erfolg dieser Filme prägte für Jahrzehnte das Bild, das Europa vom indischen Film hatte, obwohl er in Indien selbst ein Nischenphänomen blieb. Mehr über diese Trennung zwischen populärem und autorenzentriertem Kino steht im Artikel zu den Genres und Filmregionen.

Der zornige junge Mann

Anfang der Siebziger kippte die Stimmung. Inflation, Arbeitslosigkeit und der Ausnahmezustand von 1975 hinterließen Spuren auf der Leinwand. Das Autorenduo Salim Khan und Javed Akhtar schrieb mit Zanjeer eine Figur, die den Ton der Dekade bestimmen sollte: einen Mann, der dem Staat nicht mehr traut und selbst zuschlägt. Amitabh Bachchan verkörperte diesen Typ so überzeugend, dass er innerhalb weniger Jahre zum größten Star des Landes wurde. Deewaar setzte das Muster fort, und 1975 kam Sholay in die Kinos, eine Mischung aus Western, Freundschaftsdrama und Rachegeschichte, deren Schurke Gabbar Singh bis heute jeder zitieren kann. Der Film lief in einem Bombayer Kino über Jahre ununterbrochen. Genau in dieser Zeit festigte sich auch das, was man später Masala nennen sollte: Action, Komik, Romanze, Melodram und Musik in einem einzigen dreistündigen Paket.

Die Neunziger und der Blick nach außen

1991 öffnete Indien seine Wirtschaft, und das Kino reagierte prompt. Hum Aapke Hain Koun aus dem Jahr 1994 verkaufte Familienfeste, Wohlstand und makellose Innenräume. Ein Jahr später kam Dilwale Dulhania Le Jayenge, das Regiedebüt von Aditya Chopra, mit Shah Rukh Khan und Kajol als Kindern indischer Auswanderer in London. Der Film wurde zum Bezugspunkt einer ganzen Generation und lief im Maratha Mandir in Mumbai über zwei Jahrzehnte täglich weiter. Erstmals war die Diaspora nicht Randfigur, sondern Zielgruppe. Kinokassen in Grossbritannien, den USA und den Golfstaaten wurden zu einem Faktor, den Produzenten fest einplanten. Gleichzeitig wandelte sich der indische Kinosaal selbst. Das alte Einzelkino mit tausend Plätzen und billigen Tickets verlor gegen das Multiplex im Einkaufszentrum, was die Preise nach oben trieb und den Geschmack der städtischen Mittelschicht überproportional wichtig machte.

2001 brachte Lagaan eine Oscar-Nominierung und den Nachweis, dass ein Film mit Liedern, Kricket und Kolonialgeschichte international funktionieren kann. Wenige Jahre später gewann A. R. Rahman für die Musik zu Slumdog Millionaire zwei Oscars, was viele in Europa fälschlich für einen indischen Filmerfolg hielten. Die Produktion war britisch, die Musik indisch, und die Diskussion darüber sagt einiges über die Wahrnehmung dieses Kinos aus.

Was heute anders ist

Seit etwa 2015 hat sich das Kräfteverhältnis verschoben. S. S. Rajamouli drehte in Telugu die beiden Baahubali-Filme, die synchronisiert in ganz Indien liefen und Einspielergebnisse erreichten, die vorher nur Mumbai zugetraut worden waren. RRR gewann 2023 den Oscar für den besten Filmsong, komponiert von M. M. Keeravani. Der Begriff panindischer Film wurde zum Marketingstandard: Eine Produktion entsteht in einer Sprache und startet gleichzeitig in fünf Fassungen. Streaminganbieter haben zusätzlich dafür gesorgt, dass Filme aus Kerala oder Assam plötzlich Publikum in Hamburg finden. Wer eine Zeitleiste dieser Entwicklungen sucht, findet sie in der Bollypedia mit Quellenangaben, denn gerade bei Einspielzahlen aus den letzten Jahren gehen die Angaben weit auseinander. Wie wir damit umgehen und wie du selbst korrekt belegte Artikel schreibst, steht unter Mitmachen und Artikel schreiben.

Ein häufiger Irrtum zum Schluss: Die Zensur in Indien arbeitet nicht mit Altersfreigaben im deutschen Sinn, sondern über die Zertifizierungsbehörde CBFC, die Filme mit Kürzungsauflagen versieht. Das erklärt, warum manche Fassungen international länger sind als die im Ursprungsland gezeigte Version. Wer über einen Film schreibt, sollte deshalb immer angeben, welche Schnittfassung gemeint ist. Ohne diese Angabe entstehen genau die Widersprüche, die spätere Leser für Fehler halten und dann munter weiterverbreiten.

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